Sonntag, 4. September 2016

Nach Wochen konnte ich mich endlich wieder antreiben, in meine alte Heimat zu fahren und meine Eltern zu besuchen. Ja, ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dies nicht öfter mache. Aber es tut mir nicht gut. Ich muss in einem einigermaßen ausgelichenen Zustand sein, um mir die Begegnung zu geben.
Das hat mehrere Gründe. Erstmal haben wir uns wirklich nichts zu sagen. Meine Mutter tut mir wirklich sehr leid. Heute hat sie wieder einmal Männer auf einem Dach gesehen. Die Pflegekraft, die dabei war, als ich ins Zimmer kam, war sehr freundlich und hat versucht ihr zu erklären, dass dort keine Männer auf dem Dach sind. Es wird halt immer schlimmer, mit der Paranoia meiner Mutter. Ja, ich nenne es Paranoia. Dies hat nichts zu tun mit Alzheimer (allerdings kommt Alzheimer sicherlich mittlerweile dazu).Sie erzählt mein Vater würde in der Nacht mit den jungen Pflegerinnen in den Keller fahren und dort im Casino spielen und sich amüsieren ohne sie. Ich denke hier gehen die Erfahrungen von sechzig Jahren mit ihrem Mann und Alzheimer eine Verbindung ein, die immer mehr in den Wahnsinn steuert.

Aber - und ich bin mir bewusst, dass dies hart und kalt klingt - dies ist nicht meine Sache! Ich kann nicht helfen. Ich habe mein Leben lang versucht von meiner Mutter Zuneigung zu erhalten und es nie geschafft. Auch mein Vater hat keinerlei wirkliches Interesse an seinen Kinder, außerhalb allem was ihn selbst betrifft.

Ich besuche meine Eltern, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich werde mir immer mehr bewusst, dass es für mich und meine Gesundheit, dass Beste wäre, einen absoluten Bruch mit meiner Familie zu vollziehen, so wie es mein Bruder bereits vor 15 Jahren getan hat. Nun versuche ich meinen Weg in dieser Situation zu finden, der es mir emöglicht zumindest für mein Restleben noch ein gewisses Maß an Freude, Sinn und Erfüllung zu finden. Das ist die schierigste Aufgabe, die ich mir vorstellen kann, denn schließlich bin ich - genau so wie meine Geschwister - auch schwer emotional und mental geschädigt, durch diese dysfunktionale Familie.

Als ich also dort im Aufenthaltsraum mit den alten Leuten saß und versuchte irgendwie ein Gespräch zu führen, kamen natürlich auch wieder Pat und Paterchon und setzten sich zu uns. Mittlerweile freut es mich fast, wenn die auftauchen, denn so empfinde ich bei diesen Besuchen einen gewissen Sinn. Darin mir die Begegnungen wie von außen anzusehen und mit sich öffnenden Augen, erlebe ich vieles so anderes, als früher. Es eröffnet mir endlich mehr Vertrauen in meine eigene Wahrnehmung.

Meine Geschwister saßen meinen Eltern am Tisch gegenüber und ich musste fast grinsen, denn es wirkte in ihrem Zusammenspiel wie eine Spiegelung des Beziehungsverhaltens meiner Eltern miteinandern. Hatte auch was gruseliges ;-)

Natürlich interessierte sich niemand dafür, was ich in den letzen Wochen gemacht hatte, niemand fragte mich irgendwas über mich oder mein Leben. Einen kleinen versetzte es mir immer noch, aber ich war nun bereits darauf vorbereitet und die Wehmut hielt sich in Grenzen.

Interessant war, als ich meine Schwester auf ihren Standortwechsel im Job ansprach (meine Mutter hatte so etwas erwähnt) und da ich mich für sie interessiert, wurde sie nun auch gesprächig über das oberflächliche bla-bla-bla hinaus, dass in dieser Konstellation immer üblich ist.

Sie erzählte mir, dass ihre Zweigstelle wieder zurück in die vorherige Stadt ziehen würde. Ich sagte, dass dies ja dann sicherlich gut wäre. Sie meinte:"Ach, jetzt brauche ich wirklich ein neues Auto (immer wieder Thema, seit ich das Auto meines Vaters gekauft habe!), bei meinem beschlagen immer die Scheiben und im Winter fährt es sich nicht so gut. Dadurch das [ihre Tocher] die Ausbildung angefangen hätte, hatte ich gedacht ich könne mir ein gutes Auto leisten. Aber jetzt, wo sie nach zwei Wochen die Ausbildung geschmießen hat, muss ich sie wieder auf meine Rechnung nehmen und werde mir nur ein viel schlechteres leisten können!"

Oha! Das meine Nichte (Borderlinerin -woher wohl ;-) ) ihre Ausbildung in den Sand setzten würde überraschte mich bei der Vorgeschichte nicht. Aber so schnell, dass war schon der Hammer!

Und der größte Hammer daran war für mich, dass das einzige, was meine Schwester daran zu sorgen schien, die Auswirkung auf ihre eigene finanzielle Situation war!!! Also wurde mir vorgejammert wie arm sie selbst dran war, weil meine Nichte nun doch noch kein Geld verdienen würde! Meine Nichte kam in ihrer Geschichte nur als diejenige vor, die meiner Schwester bei ihren Plänen die Tour versaut hat.

Ich hätte kotzen können!!

Warum wohl, ist meine Nichte Borderlinerin geworden... ? Ich denke nicht, dass meine Schwester sich jemals diese Frage in Bezug auf ihr eigenes Wesen gestellt hatte...

Natürlich kann es auch sein, dass dies nur mir gegenüber aus dieser Perspektive erzählt wurde, um einmal mehr subtil einfließen zu lassen, dass ich ja das Auto meines Vaters genommen habe und so undankbar bin (nicht erwähnt wird dann allerdings, dass mein Bruder das Haus meiner Eltern okupiert hat und meine Schwester mit der Kontovollmacht die für sich wohl ziemlich befriedigende Kontrolle über meine Eltern).

Aber egal, welche Annahme der Wahrheit entspricht (im Zweifel ein mix aus beiden), es ist manipulativ, egozentrisch und abwertend.

Ich werde immer kühler in der Gegenwart meiner Schwester.